Jahreslosung 2012
Stark sein – wer möchte das nicht gern? Und umgekehrt: Zu einer Schwäche stehen und um Hilfe bitten – wem wäre das nicht unangenehm? Vielleicht ist das heutzutage besonders ausgeprägt, dass Stärke so hoch im Kurs steht und Schwäche so verachtet wird. Dass Menschen sagen: „Ich will auf niemanden angewiesen sein!“ (Als ob nicht jede und jeder in irgendeiner Form auf andere angewiesen wäre!) Vielleicht ist das heutzutage besonders ausgeprägt. Aber dass Menschen gern stärker wären, als sie sind, das gibt es schon sehr lange. Paulus zum Beispiel. Der hat vor fast 2000 Jahren in einem Brief an die Schwestern und Brüder in der griechischen Hafenstadt Korinth auch davon geschrieben, dass er gern stärker wäre. Dass er einen „Pfahl im Fleisch“ tragen muss und dass „Satans Engel“ ihn „mit Fäusten schlägt“, schreibt er. Wie es scheint, verbirgt sich dahinter eine chronische Krankheit – Epilepsie möglicherweise; aber genau wissen wir es nicht.
Dreimal, schreibt Paulus, hat er sich an Christus gewandt mit der Bitte: „Befreie mich von dieser Krankheit, von dieser Schwäche!“ Zur Antwort hat er den Satz bekommen, der uns durch das Jahr 2012 begleiten soll – und warum eigentlich nicht durch unser ganzes Leben? „Lass dir an meiner Gnade genügen“, hat Christus zu Paulus gesagt, „denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Rückblickend erkennen wir, was Paulus selber vielleicht gar nicht sehen konnte: Wie viel Kraft er hatte. Für die Ausbreitung des Evangeliums, der Guten Nachricht von Jesus Christus, hat er Unglaubliches geleistet. Das ist der erste Hinweis, den die Jahreslosung mir gibt: „Wenn du an dir selber oder an anderen vor allem die Schwäche siehst – schau ruhig noch einmal genau hin, welche Stärke, welche Kraft sich womöglich dahinter verbirgt!“ Kraft und Stärke sind ja nichts Schlechtes. Wie gut ist es, wenn jemand sich kraftvoll für andere einsetzt, die schwächer sind als sie oder er selber!
Das ist aber nicht alles. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – dieser Satz hat etwas mit dem Weg zu tun, den Jesus selber gegangen ist. Von Anfang an. Zur Welt kommt er in einem Stall, einer Notunterkunft, so erzählt Lukas. Später ist er ein ausgesprochen kluger Kopf, kennt sich bestens in den Heiligen Schriften seines jüdischen Volkes aus und diskutiert gern mit anderen Gelehrten. Gleichzeitig aber entwickelt er eine eigentümliche Schwäche für die Gescheiterten, für die Gestrauchelten; für die, mit denen sich kein anständiger Mensch abgibt. Er predigt Gewaltverzicht – viele sehen schon deshalb einen Schwächling in ihm. Als er sich aber weder durch Flucht noch mit klugen Worten seiner Verhaftung und Kreuzigung entzieht, sondern sich bereitwillig ans Messer liefert – da drohen selbst seine engsten Freundinnen und Freunde an ihm zu verzweifeln.
Zwei Tage später, am Ostermorgen, sind die Kraftverhältnisse auf den Kopf gestellt. Jesus – „gekreuzigt, gestorben und begraben“, wie es in unserem Glaubensbekenntnis heißt – lebt. Schon seine Jüngerinnen und Jünger können sich kaum vorstellen, wie das gehen soll – und wir erst recht nicht. Trotzdem ist genau dies der Grund, warum wir uns Christinnen und Christen nennen: Wir setzen darauf, dass etwas dran ist an dieser Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod. Dass tatsächlich Gottes Kraft sich gerade da zeigt, wo einer gescheitert und am Ende zu sein scheint. Darum kann Christus das zu Paulus sagen: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Wie Paulus sind wir nicht immer so stark, wie wir gern wären. Genau da aber wirkt Jesus Christus mit seiner Kraft, mit Gottes Kraft. Denen, die sich stark fühlen, zur Mahnung: Bizeps und IQ haben nicht automatisch Gott auf ihrer Seite. Denen, die sich schwach fühlen, zur Stärkung: Die Kraft, die du brauchst, bekommst du. Von Christus, der selber ganz schwach wurde und gerade darin seine Kraft gezeigt hat.